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Liebe Mitglieder,

nachfolgend wird die Meinung unseres Ehrenvorsitzenden und langjährigen Mitglieds Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Udo Arnold zum Deutschordensfilm des Mitteldeutschen Rundfunks auf ARTE (ausgestrahlt im November 2017) wiedergegeben. Die E-Mail wurde am 10. Januar 2018 an die Internationale Historische Kommission zur Erforschung des Deutschen Ordens versandt, soll aber auch an dieser Stelle bekannt gemacht werden. Aus Gründen der Transparenz wird sie mit Zustimmung des Autors öffentlich sichtbar wiedergegeben:

„Liebe Mitglieder,

inzwischen habe ich wieder Einsicht in den zweiteiligen ARTE-Film über den Deutschen Orden. Meine allgemeine Kritik hatte ich Ihnen am 29.11.2017 zugeschickt.
Dazu nochmals mein allgemeiner Eindruck. Auch wenn er als Dokumentation angekündigt wurde, hat der Film doch starken Spielfilmcharakter. Offenbar ist ein Drehbuch entwickelt worden, dem dann Bilsmaterial unterlegt wurde. Ich habe den Eindruck, als sei manchmal sehr mühsam gesucht worden, mit welchem Bildmaterial man einen vorhandenen Text unterlegen konnte; nicht auf den Orden bezogenes Material (z.B. aus illustrierten Handschriften) dominiert oft. Auch werden Aussagen oft falsch unterlegt, wenn z.B. die ritterliche Kampfübung der Ordensritter mit Spielfilmmaterial unterlegt ist, das Turnierkampf zeigt, der aber den Ordensbrüdern verboten war, oder ein Vertrag von Dohna mit dem Orden mit einer Papsturkunde unterlegt wird (II 42’20“). Auch sprachliche Entgleisungen gibt es, z.B. den Ordensritter als „motorisierte Kavallerie“ zu bezeichnen.
Einige Reaktionen von Ihnen baten darum, meine Kritik zu spezifizieren, was mir nun möglich ist. Dabei gehe ich nicht auf Punkte ein, die in der Forschung umstritten sind.
Beim Text ist die inhaltliche Einbettung in allgemeinere Fragestellungen mit größerem Horizont grundsätzlich gut, auch wenn es manchmal daneben geht (z.B. dass der mittelalterliche Ritter sein Schwert und den Schild im Kampf erbeutet oder stiehlt, während er im Ritterorden die Waffen umsonst bekam, was einen Grund zum Ordenseintritt darstellte (I 5’50“). Auch dass nur der älteste Sohn in Deutschland erbberechtigt war, stimmt nicht, hier werden sächsisches (ohne) und fränkisches Erbrecht (mit Realteilung) in einen Topf geworfen. Solche allgemeinen Punkte zeige ich im Folgenden nicht mehr an, sondern konzentriere mich auf das eigentliche Thema Deutscher Orden, in Klammern Angabe von Teil und Zeit im Film.
Ein generelles Problem ist durchgehend die Benennung, die durcheinandergeht von Deutschritterorden, Deutschritter, Kreuzritter und Deutscher Orden.
Die Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert ist die Entstehungszeit von drei geistlichen Ritterorden: Templer, Johanniter und DO, Johanniter und DO zuerst als Pflegeorden, die erst in den Kämpfen gegen die Türken zum Ritterorden gewandelt wurden (I 6’40“). Johanniter entstanden 1080, Templer 1120, DO 1190, und man kämpfte noch nicht gegen Türken.
Die Priester hatten nur religiöse Funktionen (I 8′). Ihre Tätigkeit im Bereich der Schriftlichkeit, Verwaltung fehlt völlig.
Eintritt in den DO erfolgte nur von Adligen mit Rüstung und Pferd. Adel als Eintrittsvoraussetzung ist erst nachweisbar im 14. Jh., außerdem steht die Rüstungsaussage in Widerspruch zum vorherigen Text (s.o). Später (I 20′) wird wieder von adligen Ordensritter gesprochen.
Reiche Sünder konnten durch Geldzahlung der Familie an den Hochmeister ein jüngeres Familienmitglied als Stellvertreter für den Sünder als Buße in den Orden schicken (I 14’20“). Diese Kontraktion ist falsch. Zwar war der Orden berechtigt, Anwärter mit gewissen Sünden aufzunehmen, aber weder in Stellvertetung durch ein anderes Familienmitglied noch mit zusätzlicher Geldzahlung.
Krankenstationen und Pflege gab es nur in den Ordensburgen (I 15’35“). Damit wird die Existenz der vielen städtischen und von anderen Gemeinschaften geführten Hospitälern ausgeklammert, die zahlenmäßig wohl überwogen.
Elisabeth rettete den Orden (I 17′). Das ist falsch, denn sie wollte ihr Marburger Hospital den Johannitern übertragen und es kam erst nach ihrem Tod im Zuge von Auseinandersetzungen an den DO.
Feigheit auf dem Schlachtfeld wurde mit dem Tode bestraft (I 17’40“). Das ist falsch, denn der Orden kennt in seiner Regel keine Todesstrafe, sondern für dieses Delikt den Ausstoß aus dem Orden, später lebenslange Haft.
Der ritterliche Kopfschutz war die Kettenhaube (I 18’45“), 10 Sekunden später wird dem Ritter ein Topfhelm aufgesetzt.
Das Ordenskriegslager war kreisförmig mit vorgelagerten Wagen (I 21′): Hier wird die hussitische Wagenburg vorweggenommen, die in den Kämpfen gegen die Litauer bereits vom Wald- und Sumpfgelände her unrealistisch war.
Vor dem Kampf wurde vom Orden stets eine Messe gelesen, die Wandlung erfolgte genau zum Zeitpunkt des Sonnenaufgangs (I 22′). Muss ich diesen Unsinn kommentieren?
Weil das Hl. Land gefallen war, wurde Ungarn als neues Zentrum vom Orden gewählt (I 22’45“). Das Hl. Land ging 1291 verloren, der Orden ging 1211 nach Ungarn.
Masowien war keine polnische Provinz (I 23’20“), sondern ein polnisches Teilfürstentum, zur damaligen Zeit selbstständig. Hier wird ein Problem erkennbar, das öfter auftaucht: Wahrscheinlich sind einige Begriffe falsch übersetzt und hätten bei einer Sprachdurchsicht durch einen deutschen Historiker sogar ohne intensive Kenntnis der Ordensgeschichte bereits ausgeräumt werden können.
Die Prußen hatten eigene Gräber für Pferde (I 25′). Das ist falsch, wohl wurde mit dem prußischen Edlen auch sein Pferd begraben.
Hochmeister Hermann von Salza verstand als Erster, dass der 1268 in Palästina geschlagene DO einen neuen Auftrag brauchte (und dann kam Preußen) (I 26’30“). Der Orden engagierte sich in Preußen seit 1230, Hermann starb 1239, und 1268 war der Orden im Hl. Land nicht geschlagen, sondern erst 1291.
1231 erfolgte der Auszug des Ordens aus der Burg Vogelsang gegen die Prußen mit 7 Ordensrittern, etwa 70 Mannen und einem Arzt (I 27’30“): Die 7 Brüder sind durch Peter von Dusburg im 14. Jh. überliefert, die 70 Mannen und der Arzt sind Fantasie.
1249, Friede von Christburg: Sich ihm widersetzende hartnäckige Heiden wurden getötet oder vertrieben. Das ist so falsch, es erfolgte vor dem Frieden in der Phase des Kampfes.
Die Baumburg (Vogelsang 1230) gegen die Heiden wird als zeitgenössisches Bild benannt (I 32’50“). Das Bild stammt aus der Zeit um 1600.
Der Komtur war zuständig für Werkstätten, Brücken und Pferdeställe; nachts kontrollierte er, ob die Mönche in Kampfbereitschaft schliefen (I 38’50“). Die Zuständigkeit umfasste in Wirklichkeit alle Bereiche innerhalb der Komturei, und der mit Laterne durch den Schlafsaal gehende Komtur ist ja wohl ein Witz.
1308 war Wladyslaw Lokietek in der Burg Danzig von den Brandenburgern eingeschlossen (I 42’55). Er befand sich in Wirklichkeit in Kleinpolen (Krakau), nicht in Danzig.
Graudenz war im 13. Jh. größtes Getreidelager Mitteleuropas (I 47’30“). Zu der Zeit war daran keineswegs zu denken, und ob die Aussage für das 14. Jh. zutrifft, wage ich zu bezweifeln.
Der Einzug in Preußen erfolgte nach der Niederlage im Hl. Land (II 1’10“). Das Hl. Land ging 1291 verloren, als der DO sein Territorium Preußen längst unterworfen hatte (seit 1230).
Von Karl von Trier (ab 1311) gibt es einen Sprung auf 1409, dann einen Rücksprung auf die Probleme der litauischen Großfürsten Witold und Jagiello und die Heirat Jagiellos mit der polnischen Thronerbin Hedwig 1385 und die Union von Krewo = logische Brüche im Drehbuch.
Ein Spion, der sich als Priester ausgibt, wird entlarvt, da er nicht lesen kann (II 18′). Ob die Einzelszene überliefert ist, weiß ich nicht. Klar ist aber, dass in der Zeit keineswegs alle Priester lesen und schreiben konnten. Die nötigen liturgischen Texte wurden dann auswendig gelernt.
Die polnische Königin Hedwig besucht 1409 die Marienburg, um den Streit zwischen Polen/Litauen und dem Orden zu schlichten (II 18’50“): Sie ist nie in Marienburg gewesen.
Zur breiten Darstellung der Schlacht von Tannenberg 1410 äußere ich mich nur zu einigen Details, insgesamt ist hier Prof. Dr. Dr. h.c. Sven Ekdahl, Berlin/Göteborg der beste Kenner.
1410 wird von Litauern das preußische Städtchen Dabrowno erobert (II 23’50“). Es handelt sich natürlich um Gilgenburg, hier fehlt die deutsche Namensform, so dass der Eindruck erweckt wird, es handelt sich nicht um Preußen. Das polnisch-litauische Heer dringt in das Land der Prußen ein, natürlich ist es das Deutschordensterritorium Preußen. Übersetzungsproblem (s.o.)?
Tannenberg = auf polnisch Grunwald (II 26’40“). Falsch, Grunwald heißt auf deutsch Grünfelde. Nur haben die nationalen Historiografien die Schlacht 1410 nach zwei verschiedenen, benachbarten Orten benannt.
Die Schwertersendung des Hochmeisters an den polnischen König wird als geplante Provokation benannt (II 27’50“). Das ist eine polnische Interpretation, in Wirklichkeit war es eine in Westeuropa übliche traditionelle Form der Kriegserklärung im ritterlichen Kampf (der ansonsten gerade für die Ordensseite von den Autoren hier besonders betont wird im Gegensatz zur taktisch klugen, modernen Führung auf polnischer Seite).
Der anfängliche Rückzug der litauischen Reiter aus dem Kampf wird als von den Tataren gelernte schlaue Taktik benannt. Ekdahl hat bereits vor Jahrzehnten unwidersprochen klargestellt, dass es eine Frage des anderen Pferdematerials war.
Kowalewo (Schönsee) wird wieder mit dem heutigen polnischen Namen genannt (II 32’40“) und damit ein falscher Eindruck erweckt, es sei ein polnischer Ort. Übersetzungsproblem aus Unkenntnis?
Der zukünftige Hochmeister Heinrich von Plauen stammte aus der Nähe von Königsberg (II 35’10“). Das ist eindeutig falsch, das Geschlecht kam aus Sachsen.
Prußische Bürger 1410 (II 41’50“): Wieder ein Übersetzungsproblem statt preußisch?
Der Orden war ab 1466 Untertan der polnischen Krone (II 46′). Das ist falsch. Dder Hochmeister hatte dem König einen Treueid zu schwören und Gefolgschaft im Kriegsfall zu leisten. Untertänigkeit enthält jedoch viel mehr.
Albrecht von Brandenburg war letzter Hochmeister (II 46’40“) und löste den Orden auf (II 48’30“). Das ist falsch, Hochmeister und Deutschen Orden gibt es bis heute. Albrecht säkularisierte Preußen, das damit dem Orden verloren ging.
Sie mögen sagen, dass es sich bei einem Film von fast zwei Stunden insgesamt um Kleinigkeiten handele. Doch es geht um eine Dokumentation, und dafür ist die Summe dieser „Kleinigkeiten“ denn doch zu groß. Wenn das skript als wissenschaftliche Arbeit erschiene, wäre die Kritik sicher wesentlich heftiger.
Die Filmproduzenten waren sich offenbar ihrer Aussagen sehr sicher. Herr Kollege Prof. Petrauskas aus Wilna hat mir mitgeteilt, dass er als Berater die erste Fassung des Drehbuches gelesen und seine Bemerkungen mitgeteilt habe, aber weder das Endskript noch den Film selber vor der Sendung zu sehen bekommen habe; das treffe wohl auch für seinen Warschauer Kollegen D. Janicki zu. Deshalb sei er nicht traurig, dass seine Beteilgung nicht im Abspann genannt werde.
ARTE hat im übrigen bisher nicht geantwortet, nach sechs Wochen gehe ich davon aus, dass es auch nicht mehr passieren wird. Ist einem Sender, der so gut subventioniert wird, ein kritisches Publikumsecho egal?
Gesamtfazit: Es ist schade, dass man ein interessantes Thema nicht fundierter absichert, obwohl die Möglichkeiten dazu gegeben sind, sowohl im Entstehungsland als auch in den Sendegebieten Deutschland und Frankreich. Wenn man das als Dokumentation bezeichnet, dann kann ich nur sagen: Journalistisch schlecht recherchiert.
Damit möchte ich die Angelegenheit meinerseits ad acta legen.
Mit herzlichen Grüßen,
Ihr Udo Arnold
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Udo Arnold
Eichener Str. 32
D 53902 Bad Münstereifel
Tel. : +49-(0)2257-671.“
12.01.2018, Hk